Tilda Rudolph 1997–2012 war in den kleinen massiven Stein eingraviert. Das Mädchen wurde nur 15 Jahre alt. Frischer Wind kam auf. Theresa vergrub ihre kalten Hände in den Manteltaschen und starrte auf das Grab. Wer war diese Tilda und warum war sie, Theresa, hier? In ihrem Kopf jagte eine Frage die nächste, sodass ihr schwindelig wurde. Wankend lehnte sie sich an einen Baum und atmete tief durch. Die Dämmerung setzte ein und löste die langen Schatten allmählich auf. Ein Gedanke formte sich in ihrem Kopf und so kramte sie in der Handtasche nach ihrem Smartphone. Sie entsperrte es und tippte in die Suchmaske des Browsers den Namen Tilda Rudolph ein.
Ein Haufen weihnachtlicher Motive von einem Rentier und einem kleinen Mädchen zeigten sich ihr. Filigran gezeichnet, aber sie hatten sicherlich nichts mit dieser Tilda hier zu tun. Theresa scrollte weiter und stieß auf Bilder der Schauspielerin Tilda Swinton. Sie wollte die Suche schon abbrechen, als ein Foto einer alten Holzhütte in ihr ein seltsames Gefühl auslöste.
»Hallo Theresa«, drang eine raue Stimme nah an ihr Ohr. Erschrocken fuhr sie zusammen und ließ das Handy fallen. Vor ihr stand ein älterer Mann mit Hut. In der Hand hielt er etwas, das mit Zeitungspapier umwickelt war. Er lächelte sie warm an. »Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken.« Er bückte sich nach dem Telefon.
»Kennen wir uns?«, fragte sie und musterte den Fremden unverhohlen. Nervös griff sie zu ihrer Kette mit dem alten Schlüssel als Anhänger.
»Kennen wäre zu viel gesagt.« Er reichte ihr das Handy und stellte sich als Viktor vor. Dann zeigte er auf das Namensschild, das unter ihrer Jacke hervorblitzte. Sie trug noch immer ihr Arbeitshemd. Verlegen lachte sie auf.
»Es ist schön, dass endlich jemand Tilda besuchen kommt.« Er trat einen Schritt ans Grab heran, bückte sich und sammelte ein paar vertrocknete Blätter ein.
»Wie meinen sie das? Ich bin zufällig hier. Ich kenne keine Tilda«, entgegnete sie unabsichtlich pampig.
Viktors Kiefer spannten sich an. Dann stand er abrupt auf und trat dicht vor sie. »Es gibt keine Zufälle.«
»Bitte?«, fragte sie zaghaft nach, wusste nicht, wovon er sprach.
Seine Miene entspannte sich. »Zufälle gibt es nicht, alles hat einen Sinn, auch wenn wir ihn nicht gleich erkennen.« Er begann an der Zeitung herumzunesteln und brachte ein kleines Blumensträußchen hervor, das seinen süßlichen Duft verströmte.
»Warum sind Sie hier?«
Theresa war sich nicht sicher, ob sie diesem Fremden von ihrem Fund erzählen sollte. Aber wem sollte sie sonst davon berichten? Die Laterne neben ihnen entzündete ein schwaches Licht. Es wirkte fast wie ein Zeichen, und so räusperte sie sich kurz und fing an zu erzählen. »Ich … ich habe die Koordinaten von einem Smartphone, das ich gestern in der U-Bahn gefunden habe.«
Er sah sie irritiert an. »Koordinaten?«
»Ja. Da war dieser Mann, der sein Telefon liegen gelassen hatte. Er sprang aus dem Zug, kurz bevor sich die Türen schlossen«, sprudelte es schließlich aus ihr heraus. Viktor hörte zu und nickte.
Sie erzählte ihm von den Fotos, die sie darauf entdeckt hatte. Bilder von sich. Und einer Nachricht, die diese Koordinaten beinhaltete.
Er zog die Augenbrauen hoch. »Das klingt sehr suspekt.«
Theresa nickte, erleichtert darüber, dass sie nicht die Einzige war, der das merkwürdig vorkam.
»Haben Sie schon die Polizei benachrichtigt?«
»Nein«, gab sie kleinlaut zu.
»Warum nicht?«
»Ich habe die Bilder in einer Kurzschlussreaktion gelöscht.« Entschuldigend hob sie die Schultern.
»Was waren das für Fotos?«, fragte er nach.
»Darüber möchte ich nicht sprechen«, gestand sie und sah zu Boden. Es war ihr peinlich, dass jemand sie in ihren eigenen vier Wänden beobachtete.
»Was ist mit der Kontaktliste?«
Theresa schüttelte den Kopf. »Die Namen scheinen eher Kundenkontakte zu sein.« Sie zeigte ihm den ersten Kontakt: B. Ratze. »Es gibt nicht einmal Schatz, Mama oder Papa.«
Viktor sah sie an und nickte. Sein Blick ging zum Grabstein und versank darin.
»Erzählen Sie mir von Tilda«, bat Theresa, als das Schweigen zwischen ihnen unerträglich wurde.
Er sah sie an, schwieg noch immer.
»Natürlich nur, wenn Sie möchten«, legte sie nach. Sie wollte ihm nicht zu nahe treten.
»Kommen Sie!« Er führte sie zu einer Bank, die in unmittelbarer Nähe stand, und setzte sich. Das Holz ächzte unter seinem Gewicht. »Tilda ist … war meine Tochter«, begann er leise.
Theresa setzte sich zu ihm, denn seine Worte verloren sich auf dem Weg zu ihr.
»Was ist passiert?«
Er schluckte. Es fiel ihm sichtlich schwer, darüber zu reden. Theresa fühlte sich unwohl. Sie hasste emotionale Gespräche, konnte Menschen nicht weinen sehen, ohne selbst den Tränen zu erliegen.
»Sie war schon immer selbstbewusst und wusste genau, was sie wollte, da war sie wie ihre Mutter.« Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er in Erinnerungen schwelgte. »Es war zwei Wochen vor ihrem 16. Geburtstag. Wir hatten damals ein Gartenhäuschen im Wald für den Sommer. Tilda bat uns, ihr dort eine Übernachtung mit ein paar Freunden zu gestatten. Sie war ein vernünftiges Mädchen und wir kannten die meisten ihrer Freunde. Auch die anderen Eltern waren einverstanden«, seine Stimme brach. »Warum hätten wir es verbieten sollen?«
Der große Mann, der eben noch vor ihr saß, sackte zusammen und verwandelte sich in ein Häufchen Elend. Tränen traten über den Wimpernkranz und flossen unaufhaltsam über seine Wange und versickerten im Kragen des Mantels. Theresa hatte das Bedürfnis, ihm tröstend über die Schulter zu streichen, ließ aber im letzten Moment die Hand sinken.
»Was geschah dann?«
»Eine Kerze hat die Vorhänge in Brand gesetzt«, er schluckte schwer. »Sie war währenddessen auf der Toilette und kam nicht rechtzeitig raus.« Viktor schluchzte und Theresa legte ihm nun doch zaghaft den Arm um die Schultern.
Sie versuchte, die aufkommenden Tränen wegzublinzeln, aber es gelang ihr nicht. »Wie furchtbar«, entfuhr es ihr.
»Sie haben Wahrheit oder Pflicht gespielt und Tilda musste sich für 10 Minuten auf dem Klo einsperren lassen«, fuhr er mit bebender Stimme fort. »Sie hatte Angst vor Spinnen, müssen Sie wissen, und auf der Toilette gab es eine, die ziemlich groß war. Wir nannten sie Spidy.« Ein Grinsen zeigte kurz, doch es erstarb gleich wieder. »Das war ihre Aufgabe. Sie sollte 10 Minuten mit dieser Spinne aushalten. Wegen dieses dämlichen Spiels habe ich meine Tochter verloren. Können Sie das glauben?«
Sein Blick riss ihr Herz in Stücke und ihre Unterlippe zitterte.
»Es war ein Unfall«, flüsterte Theresa und schluckte schwer.
Viktor nickte und wischte mit dem Ärmel über sein Gesicht. »Entschuldigen Sie, ich … ich werde meinen Sohn anrufen. Ich kann so nicht mehr Auto fahren.«
Mitleidig sah ihm Theresa nach, als er ein paar Schritte lief und auf seinem Telefon herumtippte. Schmerzlich zog sich ihre Brust zusammen. Ihre Finger wanderten unbewusst zu dem Schlüssel, der um ihren Hals hing. Plötzlich zuckte sie. Ihre Sicht verschwamm, als würde sie in einen Tagtraum gleiten. Riesige Flammen konnte man in der Ferne sehen. Ihr Puls beschleunigte sich und ihre Finger wurden feucht. Sie erinnerte sich an ein Feuer, damals.
Ein Klingeln riss sie aus den Gedanken. Es kam aus ihrer Tasche. Der Klingelton war ihr unbekannt. Sie entdeckte ganz unten das gefundene Handy von dem fremden Mann aus der Bahn. Sie zog es heraus.
V. Ater stand auf dem Bildschirm. Sie hob ab.
»Hallo?«
Keine Antwort.
»Hallo?«, versuchte sie es noch einmal.
»Warum haben sie das Handy von meinem Sohn?«
Erschrocken sah sie sich um. Es war Viktor, der sie das fragte.
Verstört sah sie das Telefon in ihrer Hand an. »Es ist das, was ich gestern in der Bahn gefunden habe.« Dann begann es gewaltig in ihrem Schädel zu rumoren. Eine riesige Gedankenflut rollte über sie hinweg. Ihre Augen weiteten sich. »Warum hatte ihr Sohn Bilder von mir?«
Viktor kam auf sie zu und entriss ihr das Handy. »Ich verstehe das nicht. Das muss ein Irrtum sein.«
»Ist es nicht«, rief eine wütende Stimme hinter ihnen.
Theresa fuhr herum und erschrak. Der dürftige Schein der Laterne fiel auf einen Mann, dessen linke Gesichtshälfte hinter einem weitgefächerten Narbengeflecht verborgen lag. Ein frostiger Schauer durchfuhr ihren ganzen Körper. Aber es lag nicht an seinem entstellten Gesicht. Es waren die eindringlichen Augen, die ihr Angst machten. Der Zorn in seinem Blick durchdrang sie und weidete sie aus. Theresa erstarrte, denn mit einem Mal erinnerte sie sich wieder an Tilda. Oder besser an Tilli, wie ihre Freunde sie nannten.
»Junge, was soll das?« Viktor war sichtlich irritiert, aber der Mann beachtete ihn nicht weiter.
»Hallo Theresa, wie geht es dir?« Seine Stimme war plötzlich ganz sanft und kollidierte mit der wütenden Fratze in seinem Gesicht. Der Kontrast könnte nicht größer sein und ließ ihn nur noch Furcht einflößender wirken. »Kennst du mich noch?«
Die Starre löste sich von Theresas Körper und machte Platz für Entsetzen.
»Äh … ich bin mir nicht sicher«, gab sie zaghaft zurück.
Der Mann lachte laut auf. »Du magst mich vergessen haben, aber ich erinnere mich noch ganz genau an dich«, spuckte er ihr die Worte verächtlich vor die Füße.
Dann wendete er sich an seinen Vater. »Darf ich dir Theresa vorstellen, die Mörderin deiner Tochter.« Dann griff er ihr an den Hals und riss die Kette mit einem Ruck herunter.
Theresa hielt die Luft an, während sich der brennende Schmerz in ihrem Nacken ausbreitete.
»Bist du verrückt geworden, Elias?« Viktor sah voller Entsetzen zu seinem Sohn.
»Sie trägt sogar den Schlüssel von Tillis Untergang um den Hals.« Elias hielt seinem Vater die Kette hin.
»Was meinst du damit?«
»Das ist der Schlüssel von der Toilette, aus der sich Tilli nicht befreien konnte, weil Sie ihn hatte.« Sein Zeigefinger drückte sich anklagend gegen ihren Brustkorb. »Hast du ihn als Trophäe aufgehoben, du krankes Miststück?« Speichel spritzte mit dem letzten Wort aus seinem Mund und traf sie an der Wange.
Theresa war fassungslos, konnte nicht antworten. War nicht in der Lage, sich zu erklären. Ihr offener Mund blieb stumm.
»Ist das wahr?« Viktor rang mit seinen Gefühlen, die ihn hemmungslos überrannten. Sah abwechselnd zu Theresa und zu Elias.
Theresa schüttelte den Kopf. Hörte nicht mehr auf.
»Es … es war ein Unfall«, krächzte sie. »Ich … ich bekam Panik als das Feuer …«, ihre Stimme versagte.
Und schlagartig war alles wieder da. Die heißen Flammen, die um sich griffen, der Rauch, der sich erdrückend um sie hüllte, die Angst, die über sie hereinbrach und der unbändige Reflex, der sie einfach packte und aus der Hütte zerrte. Unaufhaltsam lief sie den Schreien und den Flammen davon. Sah nicht mehr zurück. Erst als sie vor Erschöpfung stolperte, bemerkte sie den Schlüssel in ihrer Hand. Aber es war zu spät für eine Rückkehr.
Zu Hause angekommen, schloss sie sich in ihr Zimmer ein und fing bitterlich an zu weinen. Sie ließ die Tränen unaufhörlich laufen, bis alle aufgebraucht waren. Entkräftet schlief sie schließlich ein.
Am nächsten Tag fühlte sich alles wie ein Traum an. Sie war eingehüllt wie in Watte und kam sich wie ausgelaugt vor. Der Geruch von verkohltem Holz, der in ihrer Kleidung hing, hätte sie an die schreckliche Nacht erinnern sollen, doch ihr Verstand schirmte sie von der Wahrheit ab. Auch als sie den Schlüssel in ihrer Hand bemerkte, wusste sie nicht mehr, was vorgefallen war.
»Ich habe Neuigkeiten für dich.« Elias hielt Theresa fest am Kragen. »Während du abgehauen bist, habe ich versucht meine Schwester zu befreien.« Seine Augen funkelten bedrohlich. »Aber ich hatte keine Chance.« Er strich fast zärtlich mit der freien Hand über die unebenen Stellen seines Gesichtes. »Jede Einzelne dieser Narben wäre es wert gewesen, wenn ich sie nur hätte retten können.« Wasser sammelte sich in seinen Augen, aber er wischte es weg wie ein lästiges Insekt.
Viktor sah auf, rang nach Worten, konnte nicht glauben, was seine Ohren in das Innere des Kopfes trugen. Er taumelte ein paar Schritte, dann brach er weinend zusammen und ergab sich seiner tief sitzenden Verzweiflung.
Theresa zitterte. »Es tut mir so leid.« Unzählige Tränen ertränkten ihr Gesicht. »Es war ein Unfall«, wiederholte sie erneut, dann gaben ihre Beine nach und sie sackte in sich zusammen.
Aber Elias ließ nicht los. Er zerrte sie über den sandigen Friedhofsboden.
»Es wird Zeit zu büßen, Theresa.«
»Was hast du vor?« Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, stemmte sie sich gegen ihn. Ihre Stimme nur noch ein schrilles Piepsen im Wind. Der Geruch feuchter Erde und verrottender Blätter stieg ihr in die Nase.
»Du wirst jetzt das gleiche Schicksal teilen«, brummte er entschlossen und schleifte sie weiter hinter sich her.
»Nein«, schrie sie aus und fiel über eine Wurzel, aber er reagierte nicht. Sein Griff blieb fest.
Sie wusste nicht, wohin es ihn zog. Es war zu dunkel, um etwas erkennen zu können. Auch der Tränenschleier war nicht hilfreich. Dann ließ er plötzlich von ihr ab.
»Seit Jahren warte ich auf diesen Augenblick.« Das Grinsen in seinem Gesicht glich einer Erlösung. »Tilda wartet auf dich, Theresa.«
Theresa schluchzte. Der Kloß in ihrem Hals wurde größer und größer. »Es tut mir so leid«, wimmerte sie. »Ich hatte Angst, ich wollte nicht, dass sie stirbt, bitte glaube mir!«
»Erzähl das den Würmern.« Mit diesen Worten gab er ihr einen Stoß. Sie verlor den Halt und fiel. Lockere Erde bremste ihren Sturz, dennoch bohrte sich ein stechender Schmerz die ganze Wirbelsäule empor, sodass ihr die Luft wegblieb. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen.
Sie sah Tilli vor sich, die sich zierte in das kleine Bad zu gehen.
»Nun mach schon. Umso schneller bist du wieder draußen«, hörte sie sich selbst sagen. »Hier, damit geht’s leichter.« Theresa griff sich die Flasche Wodka, trank einen Schluck und reichte sie an Tilli weiter.
»Aber wirklich nur 10 Minuten?«
»Versprochen!«
Tilli setzte die Flasche an und ließ die durchsichtige Flüssigkeit den Hals hinuntergleiten. Sie verzog das Gesicht und schüttelte sich.
»Elias? Papierflieger«, rief sie ihm zu und er nickte wissend. Niemand verstand, was das sollte, aber es interessierte auch keinen. Der Alkoholpegel war schon zu hoch.
Dann ging Tilli in ihre persönliche kleine Hölle, Theresa sperrte die Tür ab und zog den Schlüssel ab.
Nach etwa vier Minuten hörte Theresa Tilli wimmern, während Elias an den vollen Lippen seiner Freundin hing und sich in Ekstase knutschte.
»Papierflieger«, schrie Tilli plötzlich aus der Toilette, aber Elias reagierte nicht. Theresa stieß ihn an, aber sein Denkvermögen schien sich auf einen einzigen Körperteil zu konzentrieren, der nun die Kontrolle übernahm und alles andere ausblendete.
Ein Zischen holte sie wieder zurück ins Hier und Jetzt. Mühsam richtete sie sich auf und erkannte, dass sie in einem Loch, das mindestens zwei Meter tief war, lag. Elias thronte über ihr wie ein Scharfrichter. In der Hand eine brennende Zigarette. Es war schwer, ihn zu erkennen, denn die Dunkelheit schritt voran. Aber das bösartige Funkeln in seinen Augen, das aufflammte, wenn er an der Zigarette zog, würde sie nie wieder vergessen.
Ein unangenehmer Geruch drang in ihre Nase. Er kam ihr bekannt vor, konnte ihn jedoch nicht einordnen.
»Was bedeutet Papierflieger?« Sie hatte keine Ahnung, warum sie ausgerechnet das fragte, angesichts der Situation, aber sie tat es.
Jeglicher Zorn wich aus seinem Gesicht und überzog ihn mit kalkweißer Blässe. Wie zu einer Eissäule erstarrt, stand er da.
»Woher weißt du?«, seine Stimme brach abrupt ab.
»Das hatte Tilli gerufen, als sie auf der Toilette war und du so beschäftigt mit deiner Freundin warst.« Es klang schärfer als beabsichtigt. »Was bedeutet es?«
»Sie hat was?«, flüsterte er ungläubig.
Theresa kam wieder auf die Beine, klopfte sich den Dreck von der Hose und sah in Elias’ Silhouette.
»Papierflieger«, flüsterte er, dann begab er sich in die Hocke und strich sich mit der freien Hand über die Stirn. »Das war ihr Codewort.«
Theresa sah ihn irritiert an. »Codewort wofür?«
»Für den Fall, dass sie einmal in eine Situation gerät, der sie nicht gewachsen ist. Sie war in manchen Momenten sehr ängstlich. Ein wenig widersprüchlich, denn in anderen Belangen war sie so selbstbewusst.« Er lachte kurz auf und stockte kurz. »Ich konnte sie dann aus einer für sie ausweglosen Lage befreien, ohne dass jemand ihre Schwäche erkannte und sie deswegen schikanierte.« Elias sprach es mehr zu sich selbst.
»Nicht ich bin schuld an ihrem Tod.« Im letzten Moment biss sich Theresa auf die Zunge. Sie war nicht in der Position für irgendwelche Schuldzuweisungen.
Elias wiegte sich vor und zurück. Der üble Geruch brannte sich in der Zwischenzeit in ihre Schleimhaut. Und plötzlich wusste sie, was es war. War Elias wirklich dazu fähig?
»Hast du hier Benzin reingekippt?« Das blanke Entsetzen spiegelte sich in ihrer Stimme wider.
Elias zog an seiner Zigarette. Der Schein zeigte feuchte Wangen. »Es war alles so schön geplant. Die Bilder von dir auf dem Handy, die Panik, die sie auslösten. Der Wink mit den Koordinaten und die unbändige Neugier, den Platz aufzusuchen. Und jetzt sind wir hier an dieser Stelle und ich bin nur ein Schnipsen von meiner Rache entfernt …« Seine Stimme wurde wieder lauter. Die Wut packte ihn erneut. »… Und jetzt gibst du mir die Schuld, du Miststück?«
Er stand wieder auf, schüttelte verächtlich den Kopf. Ein Geräusch erregte seine Aufmerksamkeit. »Vater, was …«, rief er entsetzt aus. Dann gab es ein dumpfes Krachen. Elias verlor den Halt und knallte der Länge nach hin. Als er auf den Boden aufschlug, löste sich die Zigarette aus seinen Fingern. Theresa riss die Augen auf. Alles verlief wie in Zeitlupe, als sie sah, wie der Glimmstängel über die Kante glitt und unaufhaltsam in die Tiefe stürzte.
Ende
Falls dir die Geschichte gefallen hat, dann kannst du mir einen riesigen Gefallen tun und sie auf Amazon bewerten bzw. rezensieren. Jede positive Rezension hilft mir sichtbarer zu werden. Vielen Dank!
Klicke auf den Amazon-Button, scrolle runter bis zu „Kundenrezensionen“ und tippe unter den ersten Rezensionen auf „Rezension schreiben„.
Hier geht es zu meinen Büchern: