Eine Kurzgeschichte aus „Düstere Weihnachten“

»Mama, ist der Stiefel jetzt sauber genug?« Stolz grinst mich mein fünfjähriger Sohn an. Ein Streifen Schmutz ziert seine Stirn.
»Der Stiefel schon, aber du musst noch in die Wanne«, antworte ich belustigt.
»Nein, ich will nicht baden«, jammert er lauthals.
»Oje, dann wird uns der Nikolaus wohl nicht besuchen. Der mag gern brave und saubere Kinder.«
Mit großen Augen sieht er mich an. Er steht auf und zieht sich blitzschnell aus. »Kann ich mein U-Boot mit in die Wanne nehmen?« Innerhalb von Sekunden mutiert Jaron, der Bademuffel, zur Wasserratte.
»Na klar!«
Er flitzt in sein Zimmer und ich höre, wie er in seinen Kisten herumkramt. In der Zwischenzeit lasse ich warmes Wasser in die Wanne laufen und summe das Lied »Lasst uns froh und munter sein« vor mich hin.
Als ich ein großes Handtuch aus dem Wandschrank im Flur hole, umgarnt mich frischer Keksduft. In dem Moment erinnert mich der Kurzzeitwecker mit lautem Piepen daran, dass ich die Bleche aus dem Ofen nehmen muss.
Jaron huscht an mir vorbei und taucht in ein spannendes Unterwasserabenteuer ein.
Mit zwei Topflappen ziehe ich das heiße Backblech heraus. Knusprig braune Kekse mit Schoko und Nussstückchen lachen mich an und lassen mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Drei Stück lege ich auf einen separaten Teller. Die sind für den fleißigen Nikolaus. Das war Jarons Idee.
Nach einer halben Stunde gehe ich ins Bad und hole mein schrumpeliges Kind aus der Wanne. »Meine Finger sehen aus wie Rosinen.« Er verzieht das Gesicht, denn er mag keine Rosinen. Lachend trockne ich ihn ab und reiche ihm seinen Schlafanzug. »Nun aber schnell ins Bett und schlafen.«
»Aber ich bin noch gar nicht müde.«
»Das macht nichts, die Müdigkeit kommt schneller, als du denkst.« Ich grinse ihn breit an. Jaron zieht einen Flunsch und trottet in sein Zimmer.
»Hast du nicht etwas vergessen?«
»Was denn?«, mault er.
»Zähneputzen«, flüstere ich ihm geheimnisvoll zu.
Entsetzt dreht er sich um. »Aber du hast gesagt, ich darf noch einen Keks essen. Ich muss doch vorkosten für den Nikolaus.«
»Das stimmt, du hast recht. Na, dann aber schnell.«
Wir gehen in die Küche, die im Backchaos versinkt. Diverse Schüsseln, Mehlreste und Haselnusskrümel liegen herum.
»Mama, der meckt fabelhaft.« Laut schmatzt er auf. »Darf ich noch einen?«
»Nein, jetzt ist es Zeit für das Bett.« Ich zeige auf die Uhr, die schon nach 19 Uhr anzeigt.
»Schade!«
Nachdem er sich die Zähne geputzt hat, gehen wir gemeinsam in sein Zimmer, kuscheln uns in sein Bett und ich lese ihm eine kurze Gutenachtgeschichte vor.
Dann gebe ich ihm einen Kuss auf die Stirn, wünsche ihm süße Träume und verlasse sein Zimmer.
Bevor ich mich erschöpft auf die Couch fallen lasse, beseitige ich noch das Chaos in Flur und Küche. Eigentlich wollte ich den Thriller, der auf meinem Nachttisch liegt, weiterlesen, aber ich bin zu müde dafür. Ich stelle den Fernseher an und zappe durch die Kanäle, bis mir die Augen zufallen.

Ein Geräusch lässt mich hochschrecken. Desorientiert sehe ich mich um und stelle fest, dass ich mal wieder vor dem Fernseher eingeschlafen bin. Ich hasse das, denn dann fühle ich mich beim Aufwachen wie überfahren. Verschwommene nackte Körper erklären mir, dass ich mit ihrer Hilfe versaute Nachbarinnen in der Umgebung finden kann. Ich lehne dankend ab, finde die Fernbedienung unter der Couch und bringe das Paar augenblicklich zum Schweigen. Dort unten liegen außerdem eine Packung Ta-schentücher, zwei Kugelschreiber und mindestens vier Haargummis, die ich schon gesucht habe. Draußen ist es stockfinster. Es ist 0:23 Uhr. Ich reibe mir die Augen und gähne. Mühsam erhebe ich mich aus meinem Zwischennachtlager und trotte ins Bad, denn das Bedürfnis mir die Zähne zu putzen ist groß. Nachdem ich auch das Gesicht gewaschen habe, fühle ich mich wohler. Als ich mich umziehe, dringt ein merkwürdiges Geräusch an mein Ohr. Es klingt wie ein röchelndes Gurgeln. Mit Hilfe meiner auditiven Wahrnehmung versuche ich, dem Radau auf die Spur zu kommen. Meine erste Vermutung lässt mich an der Heizung horchen, aber die ist stumm. Plötzlich hallt ein dumpfer Schlag durch die Wohnung. Erschrocken zucke ich zusammen. Ob jemand hier ist? Mein Herz rast wie ein Schnellzug und treibt den Puls in ungeahnte Höhen. Ich bin hellwach. In der Eile greife ich mir den Föhn, der mir wirkungsvoller erscheint als das dreilagige Klopapier. Wie eine geladene Waffe halte ich ihn vor mich. Meine Muskeln sind bis auf das Äußerste gespannt. Langsam bewege ich mich vorwärts und drücke mit der linken Hand gegen die Badtür, doch sie lässt sich nicht öffnen. Ich drücke die Klinke hinunter und lehne mich gegen das Holz. Irgendetwas blockiert die Tür. Mit aller Kraft versuche ich sie aufzudrücken, aber es gelingt mir nicht. Sie bewegt sich lediglich ein paar Millimeter. Ich lege die »Föhnwaffe« zur Seite und nutze mein ganzes Körpergewicht, um mich gegen die Tür zu stemmen. Der Schweiß steht mir auf der Stirn. Nach einigen Minuten ist der Spalt so groß, dass ich mit eingezogenem Bauch aus dem Bad schlüpfen kann. Was ich zu sehen bekomme, raubt mir den Atem. Zu meinen Füssen liegt regungslos ein dicker weißbärtiger Mann. Wer ist das? Und was macht der hier in meiner Wohnung? Panik kriecht in mir hoch. Vorsichtig stoße ich ihn mit meiner Fußspitze an, doch er reagiert nicht. Ich versuche es mit mehr Druck, aber auch das bringt nichts. Er bleibt still liegen.

»Frau Lehmann, beantworten Sie uns bitte noch ein paar Fragen!« Der Polizist, der gerade in meine Küche kommt, sieht mich streng an. Zaghaft nicke ich. Meine Hände zittern noch immer, denn der Mann, der im Flur liegt, ist tot.
»Sie haben auf der Kommode einen Teller zu stehen, mit verdächtigen Krümeln. Was können Sie mir dazu sagen?« Er zieht einen Notizblock samt Kugelschreiber aus seiner Tasche.
Irritiert sehe ich ihn an. »Das ist der Teller für den Nikolaus. Morgen ist der sechste Dezember«, entgegne ich etwas pampig.
»Haben Sie die Kekse selbst gebacken?«
»Ja, wieso?«
»Würden Sie mir bitte die Zutaten verraten, die sie verwendet haben?« Der Beamte sieht mich erwartungsvoll an.
Ist das sein Ernst? Ein unbekannter Mann ist in meine Wohnung eingedrungen und gestorben und die Polizei will mein Keksrezept.
»Frau Lehmann, Sie sind doch sicher auch daran interessiert diesen Fall aufzuklären.«
»Ja, natürlich.« Ich stehe auf und öffne die Schublade, in der ich meine Rezepte aufbewahre. »Mehl, Zucker, Eier, Zartbitterschokolade, Haselnüsse, Vanillezucker und Backpulver«, antworte ich, während er fleißig mitschreibt. Schön, dass ich ihm zu einem fantastischen Keksrezept verhelfen kann.
»Frau Lehmann, das sieht nicht gut für Sie aus.« Den Blick auf seinen Block gerichtet, schüttelt er den Kopf.
»Was meinen Sie?« Ich verstehe kein Wort.
»Frau Lehmann, Sie sind festgenommen!«
»Was? Wieso?«, falle ich ihm erschüttert ins Wort.
»Wegen des Mordes am Nikolaus«, sagt er bestimmt und verpasst mir innerhalb von Sekunden Handschellen.
»Aber … was?«, gebe ich entsetzt zurück. Das muss ein ganz schlechter Scherz sein.
»Geben Sie zu, dass Sie diese Kekse gebacken haben?«, fragt er mit einem anklagenden Unterton in der Stimme.
»Ja, aber ich verstehe nicht.«
»Jeder weiß, dass der Nikolaus, neben seiner Laktoseintoleranz, an einer starken Nussallergie leidet.« Er zieht mich am Arm hoch.
»Mama, was ist hier los?« Jaron kommt aus seinem Zimmer und reibt sich die Augen.
»Alles ist gut. Es ist alles nur ein Irrtum.«
»Ein Irrtum? Das war eindeutig Vorsatz, meine Liebe.« Der Polizist wendet sich an meinen Sohn und begibt sich in die Hocke. »Mein Junge, wir müssen die Mama leider ins Gefängnis bringen, denn sie hat den Nikolaus getötet.«
»Ist das wahr?« Jaron sieht mich erschrocken an.
Mein Herz bricht, als ich in seine sich mit Tränen füllenden Augen schaue.
»Nein Schatz, ich …« Mir fehlen die Worte und ich würge den aufkommenden riesigen Kloß in meinem Hals hinunter. Der Polizeibeamte führt mich aus der Wohnung. »Wie konnten Sie nur?« Vernichtend sieht er mich an.
Ich bin sprachlos.
»Sie Monster«, schreit mich ein Nachbarsjunge wütend an, als ich von dem Beamten durch das Treppenhaus geführt werde.
Ich kann nicht glauben, was gerade passiert. Wie in Trance lasse ich mich mitziehen, kann keinen klaren Gedanken fassen. Ich soll schuld daran sein, dass eine imaginäre Person tot ist, weil ich das Memo mit seinen Allergien nicht bekommen habe? Das ist doch irre!
Als wir aus dem Haus kommen, verfehle ich die letzte Stufe und stürze ungebremst zu Boden. Ich lande auf der Seite. Der Schmerz zieht durch meinen Körper und lässt mich die Augen zusammenkneifen. Als ich sie langsam öffne, sehe ich in Jarons Gesicht.
»Mama, was machst du denn auf dem Boden?«
Schwerfällig erhebe ich mich und sehe mich um. Ich bin in meinem Wohnzimmer. Der Fernseher läuft. »Die schlimmsten Morde in …«. Dann wird der Bildschirm schwarz. Jaron legt die Fernbedienung auf den Tisch. »Mann, Mama, so etwas solltest du nicht gucken. Davon bekommt man doch Albträume.« Er schüttelt den Kopf.
Noch immer etwas desorientiert nicke ich. »Du hast recht, mein Schatz! Warum bist du eigentlich wach?«
»Ich hatte einen riesigen Durst.« Er grinst breit.
Nachdem ich ihn erneut ins Bett gebracht habe, gehe ich in den Flur, um die »Todeskekse« zu entsorgen. Nur zur Sicherheit. Als ich auf den Teller blicke, entweicht mir jegliche Farbe aus dem Gesicht. Ein Keks ist großzügig angebissen. Mein Herz setzt einen Schlag aus. Gibt es ihn wirklich?