Seit Stunden lief Erik ziellos durch die Straßen. Alles war still um diese Zeit am Rande der Kleinstadt. Vereinzelte Kieselsteine knirschten unter seinen Schuhen. Jeder Schritt halte durch die aufkommende Dämmerung und die Kälte zog durch den alten zerschlissenen Mantel, doch er spürte sie nicht. Wie ein Zombie wandelte er auf Erden, seit sie nicht mehr bei ihm war. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Die letzte richtige Mahlzeit, die er zu sich genommen hatte, lag Wochen zurück, denn der Hunger blieb aus. Ab und zu aß er ein paar fettige Chips oder trank Cola. Nicht gerade ideal, aber er konnte einfach nicht aus seiner Haut. Heute hatte er sich zum Frühstück einen ordentlichen Schluck Kräuterschnaps gegönnt. Als die braune brennende Flüssigkeit seine Speiseröhre hinunterlief, fühlte sie sich an wie Medizin und das tat verdammt gut, selbst wenn er nicht krank war. Ob seine Leber das auch so sah, war fraglich. Nichts war mehr, wie es war. Sie fehlte ihm so wahnsinnig, dass es ihn tief im Inneren schmerzte. Mit ihr verabschiedete sich all sein Lebensmut.
Ein tiefes lautes Bellen riss ihn aus seinen schwermütigen Gedanken, die ihn seit einiger Zeit begleiteten und ließ ihn hochschrecken. Ein Rottweiler lief dicht an ihm vorüber und zog sein Herrchen an der Leine hinterher, der ihn kaum unter Kontrolle halten konnte.
„Blöder Köter“, zischte Erik, nachdem er sich von dem kleinen Schreck erholt hatte und wechselte die Straßenseite.
Wieso hatte sie ihn verlassen? War er nicht gut genug? Hatte er sich nicht tadellos um sie bemüht? Wollte Gott ihn bestrafen, indem er sie ihm nahm? Eine vereinzelte Träne rann über seine Wange und er wischte sie schnell mit dem Handrücken fort. Sie hasste es, wenn er weinte, brauchte keine Heulsuse um sich.
Die Luft wurde kühler und es roch nach Regen. Eigentlich mochte er diesen Geruch, aber heute war er ihm gleich. Als er aufsah, stand er vor den schiefen gusseisernen Toren des alten Friedhofs. Sie waren halb geöffnet, wie eine Einladung. Hierhin hatte es ihn also verschlagen. Ob das ein Zeichen war? Kurz zögerte er, doch dann setzten sich seine Beine, wie von Geisterhand, in Bewegung und trugen ihn durch den Eingang. Das Metallschild, das lose an der Tür befestigt war, knallte mit jedem Windhauch gegen das Tor, sodass es laut schepperte.
„Friedhof zur letzten Ruhe“
Zarte Erinnerungen an sie erschienen in seinen Gedanken. Sie war keine Schönheit, wie man sie aus Hochglanzmagazinen kannte. Ihre Stärke lag in der Natürlichkeit. Ihr aschblondes langes Haar war zu einem festen Knoten eingedreht, das ihr die Aura einer autoritären Bibliothekarin verlieh. Wenn sie die Haare zum Abend hin löste, reichten die Spitzen weit über den Rücken. Ihre Figur war wohlgeformt, nicht wie die dürren Hungerhaken, die nur aus Haut und Knochen bestanden. Der Blick aus ihren blassgrauen Augen, den sie ihm schenkte, verzauberte ihn jedes Mal, wenn er sie ansah. Auch wenn er noch so streng war. Erik schmunzelte beim Gedanken daran.
Sein Weg führte ihn vorbei an alten überwucherten Gräbern, auf deren Grabsteinen kaum ein Buchstabe mehr zu erkennen war. Die Zeit und die Witterung radierten sie aus. Wie viele Körper lagen hier wohl verrottend unter der Erde? Wer waren all diese Menschen? Welchen Schicksalen mussten sie sich wohl ergeben?
Eine Krähe, nicht weit von ihm, saß auf einem Ast und schien ihn zu beobachten. Bei jedem seiner Schritte neigte sie den Kopf. Es wirkte unecht, irgendwie mechanisch. Er kam immer näher, sah ihr in die tiefschwarzen Augen. Sie hielt inne, rührte sich nicht, war wie erstarrt. Plötzlich kreischte sie und setzte zum Sturzflug an. Entsetzt sah er auf. Sein Herz raste. Im letzten Moment konnte er ausweichen. Nur die Spitzen ihrer Flügel streiften sein Gesicht. Ihre Berührung war kalt und unangenehm, als würde ihm der Tod persönlich über die Wange streicheln. Sein Puls raste und er atmete heftig. Es durchschüttelte ihn vor Abscheu. Er hasste Vögel, insbesondere Tauben und Krähen. Sie waren für ihn die verseuchten Ratten der Lüfte.
Erik setzte seinen Weg fort. Niesel fiel seicht vom Himmel, doch er lief unbeirrt weiter. Vorbei am Häuschen des alten Totengräbers, der gefühlte hundert Jahre alt war. Das Haus war in einem schlechten Zustand. Heruntergekommen beschrieb es am besten. Die morbiden Fensterläden aus Holz waren verzogen und einige hingen schief herab. Dem Dach fehlten vereinzelt Schindeln, einige von ihnen lagen zerschlagen auf dem Boden. Alles war mit dunkelgrünem Moos überspannt, eingehüllt wie in ein Totentuch. Ein Fenster war eingeschlagen und wurde durch ein riesiges Spinnennetz verziert, andere waren gesprungen. Auch das Mauerwerk war durchzogen von Rissen, die dem Grand Canyon alle Ehre machten.
Spitzhacke, Spaten und Harke waren gegen die Schuppentür gelehnt und warteten auf ihren nächsten Einsatz. Jedes Werkzeug überzogen mit braunem Rost. Der Verfall war nicht mehr aufzuhalten. Passend für einen Friedhof.
Nur wenige Meter trennten ihn von ihr. Was würde er dafür geben, sie noch einmal anzusehen? Ihre Haut an seiner Wange zu spüren und ihren Duft einzuatmen. Sein Herz zog sich schmerzlich zusammen, als er abrupt stehen blieb, denn er war am Ziel angekommen.
Der Stein war klein. Unauffällig. Nicht wie er es für sie gewollt hätte, aber mehr konnte er sich nicht leisten. Die Inschrift zierte nur ihren Namen, Geburtstag und den Todestag. Er stand da mit hängenden Schultern und sah hinab auf die schmerzende Wirklichkeit.
Der Niesel wurde stärker und verwandelte sich in Regen, der unbarmherzig auf ihn niederprasselte. Seine Kleidung sog ihn hastig auf, wie ein Schwamm, doch es war ihm egal. Nichts war mehr wichtig ohne sie. Er fiel vor ihr auf die Knie und ergab sich den trauernden Gefühlen, die ihn überwältigten. Wimmernd saß er da und versuchte zu begreifen, warum man sie ihm genommen hatte. Er liebte sie über alles, würde alles für sie tun. Doch dann, eines Tages, tauchte diese dunkle Wolke am Horizont auf, wurde größer und größer, überschattete ihr beider Leben und nahm sie mit sich fort.
„Verdammter Krebs.“ Verächtlich spuckte er diese Worte in hohem Bogen auf den Dreck des Weges, wo der Regen sie mit sich nahm und in der Erde versickerte. Beruhigend schaukelte er sich hin und her, ein Lied in Gedanken.
Er summte es leise mit, es gab ihm Kraft. Es war ihr Lieblingslied, das sie ab und zu vor sich hin sang. Die Erinnerung an ihre glockenhelle Stimme ließ ihn wieder in Selbstmitleid versinken und er schluchzte tief.
Ein seichtes Kratzen riss ihn aus seinen Gedanken. Suchend sah er sich um. Der Regen ließ nach, doch das Kratzen blieb. Niemand war zu sehen, auch kein Tier trieb sich umher. Er ließ den Kopf wieder sinken und suhlte sich weiter im kläglichen Selbstmitleid.
Warum fehlte sie ihm nur so wahnsinnig? War sie es, die seinem Leben einen Sinn gab? Die Frau, die ihm die Hand verbrühte, weil er zu spät nach Hause kam? Er hob die Hand vor das Gesicht und inspizierte sie genau. Die Brandnarbe war noch immer zu sehen, auch wenn sie langsam verblasste. Mit den Fingern der linken Hand strich er beinahe zärtlich über die Erhebungen. Sie war das Einzige, was von ihr übrig blieb. Sie war ein Geschenk, ein Zeichen ihrer tiefen Liebe für ihn.
Wieder dieses Kratzen. Es war kurz, folgte scheinbar keinem Takt. Er horchte auf. Die Dunkelheit verbarg mehr und mehr. Er erkannte kaum noch etwas, doch seine Ohren trügten ihn nicht. Das Geräusch war ganz nah.
Sein Blick fiel auf die dunkle Erde. Sie fühlte sich kalt und nass an. Ein Regenwurm schlängelte sich über den klumpigen Boden vor seinen Knien. Das Trommeln des Regens erstarb allmählich. Bis auf vereinzelte Tropfen, die von den Bäumen unaufhaltsam hinunter klatschten, war es still. Dann wieder das kratzende Schaben. Langsam neigte er seinen Kopf und beugte sich hinunter. Noch bevor sein Ohr die feuchte sandige Oberfläche berührte, war das Geräusch so nah, dass er das Gefühl hatte, es wäre tief in seinen Verstand eingedrungen und hätte sich dort eingenistet.
Erschrocken sah er auf, starrte auf das Grab. Bewegungslos. Nur die Augen eilten ruhelos hin und her. Sein Herz pochte, schneller und schneller, wie nach einem 100 m Sprint. Seine Augen traten hervor und mit einem Mal packte ihn das blanke Entsetzen. Mit den Händen grub er sich panisch in die matschige Erde, vorbei am wuchernden Unkraut, das ihm das Graben nur unnötig erschwerte. Wie von Sinnen schaufelte er sich durch die unendlichen Schichten des Bodens. Der Dreck sammelte sich unter seinen Fingernägeln und kleine spitze Steinchen verletzten unsanft die Haut. Es schmerzte, doch er grub unermüdlich weiter, bis ihn die Erschöpfung zu übermannen drohte. Hilflos sah er sich um. Musste weitermachen, durfte nicht aufgeben. Für sie.
Ein Gedanke ließ ihn kurz innehalten. Eine Erinnerung wurde wach. Sie war beiläufig, doch jetzt von großer Bedeutung für ihn. Er stürzte rückwärts aus dem kleinen Loch, das er erschaffen hatte und rannte los. Raste wie von der Tarantel gestochen quer über den Friedhof. Stolperte über fremde Gräber und störte die Ruhe der Toten. Schweiß lief ihm über die Stirn und brannte in den Augen. Er kniff verbissen die Lider zusammen, übersah eine Wurzel, stürzte unsanft zu Boden. Ein herumliegender, Stock der aus der Erde herausragte, rammte sich in die dünne Haut zwischen Daumen und Zeigefinger. Der Schmerz zog stechend durch seinen ganzen Körper. Er stöhnte gequält und rappelte sich mühsam auf, den Blick auf das Stöckchen, das die Haut durchbohrte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht sah er auf die Wunde. Zögernd umfasste er den Stock. Konnte sich aber nicht sofort dazu entschließen ihn herauszuziehen. Ihm wurde schwindelig bei dem Gedanken daran, versuchte tief ein- und auszuatmen. Mit einem Ruck zog er es schließlich heraus. Selbst überrascht von diesem plötzlichen Entschluss. Es brannte wie verrückt und er beobachtete mit einem Hauch Faszination, wie sich das Blut mit dem Dreck in seiner Handflächen vermischte. Die Wunde war nicht groß, aber sah aus wie ein zerfetzter alter Lappen. Er hatte keine Zeit darüber nachzudenken, ob sich die Wunde entzünden würde. Denn seine Gedanken kreisten in anderen Sphären.
Die Hände zu Fäusten geballt, lief er weiter. Dann war er am Ziel. Er griff sich Spitzhacke und Spaten des Totengräbers und stürmte zurück zu ihr. Trotz seiner Verwundung packte er die Werkzeuge beherzt an und legte los, denn wenn es Hoffnung gab, durfte er auf keinen Fall zögern. Der Schmerz ordnete sich einem höheren Ziel unter und ließ ihn arbeiten, auch wenn er das rhythmische Pochen bis in die Eingeweide spürte.
Wie besessen schaufelte er unermüdlich den Sand weg. Grub sich tiefer und tiefer. Seine Muskeln spannten von der körperlichen Anstrengung, doch er hörte nicht auf. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, doch er schippte unermüdlich weiter, war wie im Wahn. Dann ein Klacken, als er den Spaten wieder in die Erde versenkte. Wie ein Schatzsucher, der endlich die Beute aufgestöbert hatte, stürzte er aufgeregt auf die Knie und befreite die Kiste mit der Hand von all dem Schmutz des Erdreichs. Es verging fast eine halbe Stunde, doch er merkte es nicht. Das Kratzen wurde lauter und lauter. Drang in seinen Kopf, so tief, bis er das Gefühl hatte, sein Schädel würde explodieren. Doch er tat es nicht.
Verwundert sah er schließlich auf. Anstatt des formschönen Sarges aus lackierter Eiche, den er bestellt hatte, starrte er auf eine grob zusammengenagelte Fichtenholzkiste. Zögernd reckte er sich aus dem Loch und sah nochmals auf den Grabstein, um eine Verwechslung auszuschließen, doch der Stein gehörte ihr. Man hatte den Sarg ausgetauscht. Was waren das für Gauner, vom Bestattungsinstitut?
Wut kreuzte seine Pläne und er sah den Chefbestatter vor sich. Das freundliche Lächeln, das er ihm damals schenkte und das Bedauern über den Verlust wich jetzt dem habgierigen Grinsen eines Betrügers. Vor lauter Zorn ballte Erik die Fäuste. Das messerscharfe Stechen in seiner Hand rüttelte ihn auf, ließ nicht zu, dass er sich der unbändigen Wut hingab. Nicht jetzt. Denn damit konnte er sich auch noch später befassen. Er hatte eine Mission und die hatte höchste Priorität. Mit einem mulmigen Gefühl ging er in die Hocke und suchte die geeignete Stelle, um den Deckel zu öffnen. Er fand eine unscheinbare Unebenheit im Holz, ein Astloch und versuchte sie mit der Ecke des Spatens zu durchbrechen. Es gelang ihm. Das kleine Loch, das nun zwischen den Brettern sichtbar wurde, gab ihm neue Kraft. Er setzte den Spaten an und versuchte, den Deckel aufzuhebeln. Es war nicht so leicht, wie er annahm, das Loch war zu klein. Ungeduldig probierte er es erneut, fluchte und schrie verzweifelt auf. Immer wieder setzte er an, legte seine letzte Kraft in die Spatenhiebe, gab nicht auf, bis er schließlich das erlösende Knacken vernahm. Er zuckte unwillkürlich zusammen. Das Holz gab endlich nach.
Ein modriger Geruch strömte ihm entgegen, begleitet vom faulen Gestank des Todes. Mit den Händen riss er verzweifelt an den Brettern. Mobilisierte seine letzten Kräfte und schaffte das Unmögliche. Das gebrochene Holz in den Händen und mit Tränen in den Augen sah er auf sie hinab. Die Sicht war verschwommen, doch er erkannte sie sofort. Sie trug das samtige dunkelgrüne Kleid, das sich wie ein Moosteppich über ihren Körper ergoss. Es war sein Lieblingskleid für sie. Es umschmeichelte ihre Figur und ließ sie strahlen, auch wenn sie selbst kaum lächelte.
„Du bist gerettet“, flüsterte er ihr zu. Vorsichtig umfasste er ihren Körper, strich die strähnigen Haare aus der Stirn und küsste sie sanft. Vor Erleichterung fing er an zu zittern und war außer sich vor Freude. Dann hob er sie vorsichtig hoch und trug sie aus ihrem schmutzigen Gefängnis. „Du hast mir so gefehlt!“
„Was tun Sie da?“, rief eine raue Stimme zu ihm hinüber.
Erschrocken sah er auf. „Sie lebt, ich konnte sie retten“, lachte er mit tränenden Augen den alten Mann an. Es war der Totengräber, der vor ihm stand. Dieser sah auf sie hinunter, atmete schwer und überlegte.
„Geht es dir gut, Junge?“, fragte er skeptisch.
Erik nickte unbesorgt, dann sah er wieder zu ihr. Wie wunderschön sie war.
Der Alte räusperte sich. „Mein Junge, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, aber sie ist tot. Sie hat vor vielen Nächten ihren Frieden gefunden.“
„Nein, nein sehen Sie, sie atmet“, rief er bestimmt und zeigte auf ihren Brustkorb.
Er sah nicht, dass sich lästiges Ungeziefer an ihren Gedärmen labte. Sah nicht die Maden, die aus ihren letzten Hautfetzen lugten, wollte nicht erkennen, dass sie nur noch ein Gebilde aus Knochen und Haut war, schien ihren Tod nicht akzeptieren zu wollen. Der Alte schüttelte langsam den Kopf.
„Wie heißt du, mein Junge?“, fragte ihn der Totengräber.
„Erik und das ist Olivia, die schönste Frau, die ich kenne“, antwortete er stolz.
Der Alte stützte sich auf den Spaten, den Erik ihm entwendet hatte und nickte kurz.
„Wann wurde sie begraben, Erik?“
„Im Juni. Es war ein heißer Tag“, er schmunzelte, als er daran zurückdachte. „Ich trug den Anzug, den sie mir gekauft hatte“, erzählte er verträumt weiter, während er zärtlich über ihre Hand strich und sie ansah. „Ich musste immer aufpassen, dass er nicht schmutzig wurde, sie konnte sehr wütend werden.“
Der Totengräber nickte wieder und fuhr sich durch den grauen, ungepflegten Bart. „Wir haben Oktober, mein Junge. Was sagt dir das?“
„Was soll mir das sagen?“, Erik sah ihn verwirrt an.
Der Alte räusperte sich, ihm war nicht ganz wohl, doch dann antwortete er. „Sie liegt dort seit vier Monaten.“
Eriks Gesichtsausdruck verdunkelte sich. „Was wollen Sie damit sagen?“ Seine Stimme klang bedrohlich.
Der Totengräber kratzte sich unsicher am Kopf. „Es tut mir leid, aber sie ist tot, mein Junge.“
Erik sah auf sie hinab, verstand nicht, warum er so grausame Dinge sagte. „Er spricht wirres Zeug“, flüsterte er ihr zu. „Er ist alt. Hör nicht auf ihn!“
„Siehst du nicht die Würmer, die ihr das Gesicht zerfressen?“
Eriks Kiefer verkrampften sich. Vorsichtig legte er Olivia ab, gab ihr einen zarten Kuss auf die Stirn und brauste dann zornig auf den Totengräber zu. Wie von Sinnen prügelte er auf den alten Mann ein. Dieser war so schockiert darüber, dass er ins Wanken geriet. Mit erhobenen Händen versuchte sich der Alte vor Eriks Schlägen zu schützen, doch der war nicht aufzuhalten. In seinem Wahn gab Erik ihm schließlich einen unsanften Schubs und der alte Mann fiel unaufhaltsam in die Tiefe des Grabes. Mit einem dumpfen Knall endete sein Fall und ein Stöhnen rang aus seiner Kehle.
Entsetzt sah Erik hinunter. Der Alte war unsanft auf den Kanten des Sarges aufgekommen. Sein rechtes Bein stand in einem unnatürlichen Verhältnis zum Rest des Körpers ab. Er wimmerte vor Schmerz.
Erik raufte sich die Haare. Was hatte er nur getan? Hektisch lief er am Grab auf und ab.
„Hilfe“, rief der Alte leise.
Erik sah wieder ins Loch. Er musste etwas tun. Aufgeregt sah er sich um, suchte etwas, wusste nur nicht was. Bis er es sah. Der Spaten. Der konnte nützlich sein.
„Einen Moment, ich bringe das wieder in Ordnung“, rief er hinunter und verschwand aus dem Blickfeld des Totengräbers.
Der Alte nickte und entspannte sich ein wenig, soweit der Schmerz es zuließ. Ein seltsames Geräusch drang an seine Ohren. Es klang nach Regen. Auf den Beinen spürte er ihn.
„Bitte beeil dich, Junge“, rief er hinauf, als er plötzlich eine Ladung Sand in das Gesicht bekam. Verwirrt sah er auf. Es war kein Regen, sondern Erde.
„Was tust du da?“, schrie er entsetzt auf und hielt sich die Hand schützend vor das Gesicht.
„Keine Angst, ich bringe es in Ordnung. Ich bringe immer alles in Ordnung.“ Hörte er Erik vor sich hin murmeln. „Sie soll doch stolz auf mich sein!“
„Hör auf“, flehte der Alte, seine Stimme zitterte.
Doch Erik schippte unermüdlich weiter.
Der Totengräber versuchte den Sand von sich fernzuhalten, schüttete ihn mit den Händen vergeblich von sich weg. Er schrie, so laut es ihm möglich war, doch Erik hörte es nicht. Wollte es nicht hören.
Die Ausrufe wurden leiser, erstickt vom Sand, bis kein Wort mehr hinausdrang.
Nachdem Erik den Sand festgetreten hatte, ließ er sich erschöpft neben die Leiche fallen. Neigte seinen Kopf zu ihr und lächelte. „Nun kann uns niemand mehr trennen.“
Er hielt ihre verknöcherte Hand und schwelgte in Erinnerungen.
Ein Tag war ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Es war vor ungefähr zwei Jahren, als er einmal früher von der Arbeit nach Hause kam. Wortlos schlich er durch das Haus, denn sie hasste es, wenn er laut war. Er blieb vor der Schlafzimmertür stehen, sie war ein Spalt geöffnet. Er vernahm ein Stöhnen. Irritiert stand er da. Seine Neugier wuchs mit jedem Laut, der aus dem Zimmer kam. Auf Zehenspitzen kam er näher und lugte durch den offenen Spalt.
Sie saß auf einem Stuhl vor ihrem Spiegel, nackt. Er sah sie nur von hinten. Beobachtete die langen welligen Haare, die sanft über ihren durchgebogenen Rücken wogten. Mit einer Hand hielt sie sich verkrampft am Tisch fest, die andere schien verschwunden in ihrem Schoss und bewegte sich rhythmisch und schnell. Ihr Stöhnen wurde lauter. Fasziniert sah er dem Treiben zu, das er nicht sah, aber seine Gedanken beflügelte. Plötzlich schrie sie auf. Ihr Körper begleitet von unbändigem Zucken. Was er sah, ließ ihn schamhaft erröten.
„Erik?“, fragte sie. Doch er wagte nicht zu antworten. Lautlos entfernte er sich von der Schlafzimmertür, schlich die Treppen hinunter und ging hinaus. Was er mitnahm, war die schönste Erinnerung, die sie ihm je hätte schenken können und die er für die Ewigkeit in seinem Kopf einschloss.
„Wir sollten jetzt gehen, meine Liebste“, sagte er zu ihr. „Es wird Zeit nach Hause zu gehen.“
Erik stand auf und klopfte sich vergeblich den Dreck von der Hose. Dann beugte er sich über die Leiche, dessen Kiefer lose an einem Hautfetzen am Rest des Schädels hing, umfasste sie behutsam und stand auf. Sie zu spüren war unbeschreiblich. Ein unerwartetes Glücksgefühl durchströmte ihn, ließ ihm warm ums Herz werden. Wieder füllten Tränen seine Augen, doch es war ihm egal. Sie war bei ihm und nur das zählte.
„Ich werde dich nie wieder gehen lassen, Mutter“, flüsterte er ihr das Versprechen ins verrottete Ohr, von dem nur ein Stück Knorpel übrig war, und setzte sich mit ihr in Bewegung.