Bewegungslos verharre ich im Gebüsch und versuche meine außer Kontrolle geratene Atmung wieder in den Griff zu bekommen. Eingeholt von der Dämmerung versuche ich krampfhaft die Umgebung im Blick zu behalten. Jedes noch so kleine Geräusch sorgt dafür, dass ich zusammenzucke. Ein frischer Wind weht durch den Haselnussstrauch, unter dem ich mich verstecke. Das Rascheln der Blätter klingt wie ein verhöhnender Applaus, der meinen Gegner anfeuern soll und nicht mich. Als das Knacken eines Astes ertönt, presse ich mir beide Hände vor den Mund, um jeden noch so leisen Ton zu ersticken. In Gedanken zähle ich die Sekunden, die vergehen.
„Daisy“, ruft die raue Stimme lieblich aus, als wären wir Kinder, die Verstecken spielen. Wir spielen Verstecken, aber nicht aus Spaß. Tränen der Verzweiflung bahnen sich ihren Weg über die Wangen, bis sie auf meine Hände stoßen, die noch immer fest auf den Mund gepresst sind. Wie konnte ich nur in diese beschissene Lage geraten? Ich heiße nicht einmal Daisy. Mein Name ist Emilia.
Ich wollte doch bloß einen Spaziergang machen, wie so oft in der Vergangenheit. Doch dann war da dieser Mann. Als er mir entgegenkam, habe ich mir nichts dabei gedacht, als ich ihn freundlich gegrüßt habe. Doch jetzt hocke ich versteckt zwischen den Büschen und unzähligen Insekten und hoffe, dass er mich nicht findet.
Der Friedwald ist ein Ort der Ruhe und Andacht mit munterem Vogelgezwitscher. Hier ruht die Asche von unzähligen Verstorbenen, deren letzter Wunsch es war, in den Schoß der Natur zurückgegeben zu werden. Wie oft war ich schon hier, um mit Freunden zu wandern und der stickigen Stadtluft zu entgehen? Wie oft habe ich hier auf dem Rücken liegende Mistkäfer mit ihren dunklen, schillernden Panzern aus ihrer misslichen Lage befreit? Und jetzt ist dieser Ort zu einem nicht enden wollenden Albtraum geworden.
„Da bist du ja!“
Jemand packt mich an der Schulter und schleift mich aus dem Gebüsch. Er ist es. Der Spaziergänger. Erst kam er mir entgegen und dann verfolgte er mich. Am Anfang habe ich mir nichts dabei gedacht, aber nach ein paar Minuten, die er hinter mir lief und das Tempo erhöhte, schlich sich eine dunkle Vorahnung in meine Eingeweide.
„Warum läufst du vor mir davon, Daisy?“ Er lässt von mir ab und ragt bedrohlich über mir auf.
Meine Augen füllen sich mit Tränen und nehmen mir die Sicht. „Ich … ich heiße nicht Daisy“, stottere ich.
„Oh Daisy. Mir kannst du nichts vormachen. Ich weiß, dass du es bist.“ Während er ein Messer hinter dem Rücken hervorzieht, beugt er sich zu mir hinunter. „Ich habe dich vermisst, meine Liebe.“
Meine Augen hasten hin und her und suchen nach einem Ausweg, aber mein Körper bleibt wie erstarrt. Plötzlich eine Bewegung hinter dem bedrohlichen Mann. Mein Herz pumpt schneller, als sich eine Gestalt von der großen Eiche löst.
„Wir werden jetzt tanzen, meine Liebe.“ Der Spaziergänger reißt mich hoch, das Messer fest im Griff und summt ein Lied. Zwischen seinen Armen fühle ich mich wie eine leblose, steife Puppe, denn mein Körper versagt jeden Dienst.
„Was ist das?“, rufe ich erschrocken aus. Der Spaziergänger reagiert nicht.
Die Gestalt bewegt sich langsam auf uns zu. Sie ist groß und erinnert mich an ein Schlammmonster aus einem alten Film.
„Das ist unser Tanz. Hast du das etwa vergessen?“
Panisch versuche ich mich endlich von ihm loszureißen, aber je mehr ich mich wehre, umso fester hält er mich.
Es knackt. Der Spaziergänger dreht sich abrupt um. In dem Moment holt das Monster aus und zieht ihm einen Knüppel über den Schädel. Ein Schrei ertönt. Er kommt von mir. Der Spaziergänger lockert seinen Griff und geht zu Boden. Den Blick auf das Monster geheftet, bewege ich mich hektisch rückwärts, doch eine Wurzel bremst meinen Fluchtversuch. Ich falle und lande auf dem weichen Moosboden. Das Ding setzt sich in Bewegung. Es ist nur einen Schritt von mir entfernt. Mein Herz setzt einen Takt aus, als es sich ganz dicht über mich beugt. Es packt mich und zieht mich hoch. Wimmernd sehe ich in etwas, das sein Kopf sein könnte. Plötzlich starren mich zwei helle blaue Augen an. „Wer bist du und was willst du?“, flüstere ich tonlos.
„Es muss da vorne sein!“ Hektische Stimmen sind zu hören. Ich drehe mich in ihre Richtung und sehe zuckende Lichter.
„Hier! Hier sind wir!“, rufe ich laut aus und eine Woge der Erleichterung packt mich. Auf einmal zieht der Schlammmann an meinen Arm. Sein Blick bohrt sich tief in mich. Dann nimmt er seinen Zeigefinger und hält ihn vor den Mund. Dann lässt er mich los und geht. „Warte“, flüstere ich ihm nach, aber er geht weiter und verschwindet schließlich in der Dunkelheit.
„Es ist eine junge Frau.“ Ein Mann in Uniform zielt mit einer Taschenlampe in mein Gesicht. Schützend halte ich eine Hand vor die Augen, während er erschrocken auf den Boden zu dem bewusstlosen Körper blickt. „Was ist passiert?“
Erst kommen die Tränen und dann sprudeln die Worte aus meinem zitternden Körper heraus. „Ich weiß nicht. Ich war nur spazieren. Er kam mir entgegen.“ Ich zeige auf den am Boden liegenden Mann. „Und dann hat er mich verfolgt und mich Daisy genannt. Ich bin nicht Daisy. Er hat mich gepackt. Es war furchtbar und dann …“ Ich halte inne.
„Was dann?“ Der Mann vor mir legt behutsam seine Jacke um die Schultern, als ein weiterer Mann und eine Frau in Uniform außer Atem zu uns stoßen.
„Ich … ich habe ihn mit einem Ast K. O. gehauen.“
Behutsam streicht mir die Frau über den Rücken. „Sie sind jetzt in Sicherheit.“

Die Wachschutzbeamtin der psychiatrischen Klinik stellt einen dampfenden Becher Kaffee vor mir hin und setzt sich mit einer Akte zu mir an den Tisch. „Ihre Mutter wird sie gleich abholen. Wie geht es Ihnen?“
Ich zucke mit den Schultern.
Sie beobachtet mich, ich kann es spüren, auch wenn mein Blick tief in den Abgrund des Kaffees versunken ist. Ich kann sie sehen, diese blauen Augen des Schlammmonsters. Sie gehen mir nicht mehr aus dem Kopf.
„Den Mann, den sie niedergeschlagen haben, ist ein Patient, der vor einigen Tagen entlassen wurde. Er hatte alle nötigen Tests bestanden. Es gab keinerlei Auffälligkeiten mehr“, durchbricht sie die Stille.
Ich nicke. Was soll ich auch dazu sagen? Es macht den Albtraum, den ich erlitten habe, nicht wieder wett.
„Wer ist Daisy?“, frage ich und schlürfe an dem Kaffee. Er schmeckt ein wenig nach Weihnachten. Zimt, denke ich.
Die Beamtin, auf deren Namensschild E. Baumann steht, lächelt kurz auf. „Daisy war seine Frau. Sie starb vor etwa 20 Jahren unter tragischen Umständen. Diesen Verlust hatte er wohl nie ganz überwunden. Ich vermute, Sie haben ihn an Daisy erinnert und somit unabsichtlich etwas ausgelöst.“ Sie öffnet die Akte und reicht mir ein Bild. Es ist ein Hochzeitsfoto von dem Spaziergänger und seiner Frau. Die Ähnlichkeit ist verblüffend, doch glücklich wirkt sie nicht. In ihrem Blick sehe ich Unsicherheit. Mir fällt wieder ein, wie er das Messer gezogen hat. Bedroht man jemanden mit einer Waffe, wenn man ihn liebt? Immerhin war ich für diesen kurzen Zeitraum scheinbar seine Frau. Irgendwie zweifle ich an den Fähigkeiten dieser Psychologen, die ihn frei gelassen haben.
„Dann war ich wohl zur falschen Zeit am falschen Ort.“
Frau Baumann legt eine Hand auf meinen Arm und drückt ihn sanft.
„Wie geht es ihm?“
„Er hat eine Gehirnerschütterung, aber keine Sorge, er wird wieder und ja, er wird hierbleiben.“
Sie scheint mir meine Sorge anzusehen. Ich nicke. „Was passiert jetzt?“
„Wir warten auf ihre Mutter und dann können Sie gehen. Ich würde Ihnen aber dringend raten, mit einem Psychologen zu sprechen.“ Sie sucht meinen Blick. „Das ist wirklich wichtig!“
Ich nicke wieder.
„Emilia. Was ist passiert?“ Meine Mutter stürmt durch die Tür und stürzt auf mich zu. Sie schließt mich in eine feste Umarmung.
Ich versuche dem Drang zu widerstehen mich fallen zu lassen, denn dann würde ich zusammenbrechen und weinen. Aber ich möchte einfach nur schnell weg von hier. „Alles gut, können wir bitte gehen?“
Meine Mutter schaut fragend zu Frau Baumann, die ihr zunickt.
Die Beamtin begleitet uns durch den Flur bis zum Eingangsbereich. Während sie noch kurz mit meiner Mutter spricht, lasse ich müde meinen Blick schweifen. Ich halte die Luft an, als ich plötzlich wieder diese blauen Augen aus dem Wald sehe. Sie starren mich an. In meinem Inneren zieht sich alles zusammen. Ich würge mühsam den aufkommenden Kloß im Hals herunter. Langsam nähere ich mich dem Foto, das neben einem Gemälde prangt.
„Wer ist das?“, frage ich Frau Baumann. Sie und meine Mutter treten hinter mich.
„Das ist Simon, ein ehemaliger Patient. Ein begnadeter Künstler.“
„Wurde er entlassen?“
„Nein.“ Die Stimme der Beamtin wird leiser. „Wir haben ihn während eines Ausflugs verloren.“
„Verloren?“ Ich sehe sie erstaunt an.
„Er ist in eine Schlägerei zwischen zwei anderen Patienten geraten. Ein ungünstiger Schlag und er fiel eine steile Böschung hinunter, mitten in den Fluss.“ Frau Baumann ringt mit ihrer Stimme. „Wir haben tagelang gesucht, ihn aber nicht gefunden.“
Meine Augen weiten sich. „Ist er gefährlich?“
„Nein, das nicht, aber er war irgendwie sonderbar.“ Ihre Antwort ist überflüssig, angesichts der Unfähigkeit des medizinischen Personals. Scheinbar könne sie die Gefährlichkeit einer Person nicht deuten.
Gerade als sich noch mehr Fragen in meinen Kopf einnisten, wird die Wachschutzbeamtin von einem Kollegen gerufen. Er sieht ernst aus. Vielleicht ihr Chef.
„Entschuldigen Sie mich. Kommen Sie gut nach Hause und suchen Sie bitte einen Psychologen auf“, ruft sie mir im Gehen zu.
Ich starre zurück auf das Werk aus Acryl. Es zeigt ein Waldstück. Ich trete näher heran. Feine Linien und zarte Unebenheiten sind zu erkennen. Die Pflanzen und Bäume sehe aus, als könnte man sie anfassen. Es wirkt so real, als wäre es ein Foto. Vorsichtig streiche ich über die Rinde einer Eiche am rechten Bildrand. Plötzlich lösen sich ein paar Farbpartikel. Erschrocken ziehe ich meine Hand zurück. Was ich dann sehe, raubt mir den Atem. Dort, wo die Farbe abgebröckelt ist, starren mich zwei winzige blaue Augen an. Mein Herz steht einen Moment lang still.
„Komm, mein Kind.“ Als mich meine Mutter zum Ausgang ziehen will, fällt mein Blick auf den Titel des Bildes.
„Endlich frei“